ZIS+P
 

Machbarkeitsstudie richtungsflexible Fahrstreifennutzung für Spitzenverkehrszeiten in der Kärntner Straße B70 (Graz, Steiermark)

 
Einleitung
Die Aufgabenstellung dieses Projektes war die Machbarkeit und Sinnhaftigkeit einer richtungsflexiblen Fahrstreifennutzung zur Kapazitätserhöhung der Kärntner Straße zu untersuchen. Hierbei können einer oder mehrere, Fahrstreifen je Fahrtrichtung in Abhängigkeit der Tageszeit bzw. der Verkehrsbelastung genutzt werden. Der Fahr-streifenwechselbereich und die zeitliche Umschaltlogistik stellt hohe straßenentwurfs- und verkehrssicherheitstechnische Ansprüche, welchen in der vorliegenden Studie besonderes Augenmerk gewidmet wurde.
 
 
 
Verkehrserhebungen
Als Basis der Studie dient eine Erhebung der Verkehrsbelastungen an den relevan-ten Kreuzungen sowie an mehreren Querschnitten in der Kärntner und eine Fahr-zeitenerhebungen entlang des betrachteten Abschnittes.
 
Abbildung: Minimale und maximale Fahrzeit des motorisierten Individualverkehrs (MIV) und öffentlichen Verkehrs (ÖV) in der Kärntner Straße: stadtauswärts

 

Abbildung: Minimale und maximale Fahrzeit des motorisierten Individualverkehrs (MIV) und öffentlichen Verkehrs (ÖV) in der Kärntner Straße: stadteinwärts

 
 
Untersuchte Varianten
Um die verkehrliche Situation in der Kärntner Straße für den öffentlichen und motori-sierten Individualverkehr zu verbessern, wurden Maßnahmen-Varianten entwickelt und beurteilt:
 
  • Variante A: Flexible richtungsorientierte Fahrstreifennutzung (ein Fahr-streifen) unter Einbeziehung der bestehenden drei Fahrstreifen.

 
Beschreibung der Variante A: 
Die Anzahl der Richtungsfahrstreifen stadtein- bzw. stadtauswärts kann in Abhängig-keit der Verkehrsbelastung variiert werden. Dies wird bedarfsgesteuert oder über ei-nen festgelegten Zeitplan geregelt. Zur Spitzenbelastung am Morgen stadteinwärts finden zwei Fahrstreifen für diese Richtung Verwendung (siehe Prinzipschema), wobei ein Fahrstreifen dem öffentlichen Verkehr vorbehalten bleibt. Zu den Verkehrs-spitzen stadtauswärts funktioniert das System in umgekehrter Richtung.
Bei diesen Überlegungen stellen die bauliche und betriebstechnische Ausgestaltung, Umschaltzeiträume, die Kreuzungsbereiche und die Bereiche des Fahrstreifenwech-sels kritische Punkte dar, die einer näheren Betrachtung unterzogen wurden.

 

  • Variante B: Durchgehender vierstreifiger Ausbau mit flexibler Nutzung der äußeren Fahrstreifen.

 

Beschreibung der Variante B: 
Diese Variante sieht einen vierten Fahrstreifen auf der gesamten Länge des be-trachteten Abschnittes vor. Dies bedingt Grundstückseinlösungen aber keine Einlö-sungen von Gebäuden. Die Nutzung der beiden äußeren Fahrstreifen beider Rich-tungen erfolgt zeitlich variabel mit Park- oder Busfahrstreifen. Dies bedeutet, daß im Gegensatz zur Variante A ein zusätzlicher Fahrstreifen zur Verfügung steht. Außer-dem gibt es bei dieser Variante in beide Richtungen einen Busfahrstreifen.
 
 
 
Technische Beschreibung der Fahrstreifenwechseleinrichtung
Basierend auf ähnlichen Projekten (z.B. Barcelona) wurde für die Kärntner Straße eine vergleichbare Lösung entwickelt. Die Prioritäten wurden auf die Verkehrsicher-heit und auf die Funktionserkennbarkeit gelegt. Neben der speziellen baulichen Aus-gestaltung im Übergangsbereich, sind entlang der Strecke einer richtungsflexiblen Fahrstreifenaufteilung zusätzliche Lichtsignalanlagen notwendig.
In den Übergangsbereiche wird der Wechsel von der statischen Fahrstreifenauftei-lung auf die flexible Fahrstreifenaufteilung vollzogen. Dieser Bereich muss aus Grün-den der Verkehrssicherheit vierstreifig und mit einer baulichen Trennung (Mittelinsel) ausgeführt werden. Diese Trennung dient als Art Schleuse, die ein Einfahren auf ei-ner falsche Richtungsfahrbahn verhindert (siehe Detailabbildung).
Um eine höchst mögliche Verkehrssicherheit gewährleisten zu können, muss die Lichtsignalisierung mit geeigneten Sicherheitseinrichtungen versehen werden. Zu-sätzlich sind Videoüberwachungseinheiten zu errichten. 
 
Der Beginn einer richtungsflexiblen Fahrstreifennutzung muss den Fahrzeuglenkern ca. 100m vor dem Übergangsbereich angekündigt werden. Dies kann mit einer in statischen Überkopfankündigungstafel erfolgen.
 
Abbildung: Ankündigungstafel einer richtungsflexible Fahrstreifennutzung

 
Eine Überkopfwechsellichtsignalanlage dient zur Fahrstreifensiginalisierung und soll eine eindeutigen Funktionszuweisung der Richtungsfahrstreifen gewährleisten.
 
Abbildung: Überkopfwechselsignalanlage

 
Abbildung: Beispiel einer installierten richtungsflexiblen Fahrstreifennutzung in 
Barcelona, Spanien

 
Die Umschaltvorgänge, während denen die Richtungen der Fahrstreifen gewechselt werden, stellen die kritischen Zeitpunkte dar. Die Steuerung der Überkopfwechsel-lichtsignalanlagen erfolgt über fixe Zeitablaufpläne, wie diese in der folgenden Abbil-dung dargestellt sind.
 
Abbildung: Überkopfsignalzustände im Laufe eines Werktages: stadteinwärts

 
Um die Begreifbarkeit des Übergangsbereiches zu erhöhen, muss die Fahrstreifen-führung mit in der Fahrbahndecke integrierten Lichtsignalen unterstützend signalisiert werden. 
 

 
Ergebnis der Kosten - Nutzenanalyse
Die Varianten A und B werden in einer Kosten-Nutzenanalyse verglichen. Folgende Kostenkomponenten wurden berücksichtigt:
  • Investitionskosten der Verkehrsanlagen;
  • Betriebskosten der Verkehrsanlagen;
  • Zeitkosten der Verkehrsteilnehmer (MIV und ÖV)
Von diesen Kostenkomponenten wurden die Unterschiede zum Ist-Zustand in Rechnung gestellt. Das Ergebnis ergab für beide Varianten einen volkswirtschaftlicher Gewinn. Dieser Gewinn fiel bei Variante B deutlich höher aus. Dies ergab sich durch die geringeren Betriebs- und Investitionskosten und den höheren jährlichen monetären Nutzen (Fahrzeiteinsparungen) bei Variante B.
 
 
 
Schlussfolgerungen, Empfehlungen
Aus der Verkehrserhebung geht hervor, dass die Verkehrsbelastung in der Kärntner Straße am Tag in beide Richtungen relativ gleich groß ist. Es sind keine extremen Spitzen am Morgen (stadteinwärts) und am Abend (stadtauswärts) zu erkennen, da die Leistungsgrenze in beide Richtungen über mehrere Stunden am Tag erreicht wird. Neben der richtungsflexiblen Fahrstreifennutzung wurde auch der vierstreifige Ausbau der Kärntner Straße genauer betrachtet. Der vierstreifige Ausbau der Kärnt-ner Straße liefert bei der Kosten- Nutzenanalyse einen deutlichen monetären Gewinn, welcher gegenüber der richtungsflexiblen Fahrstreifennutzung, erheblich höher ausfällt.